Angesichts aktueller Marktverwerfungen will die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) Erlösschwankungen bei der Schweineproduktion besser kontrollierbar machen - auch durch Anpassungen am System der Preisbildung. Auf der ISN-Mitgliederversammlung am Montag (22.6.) in Münster fand Geschäftsführer Dr. Torsten Staack dafür offene Ohren auch bei Vertretern der Fleischwirtschaft, die allerdings auf aktuell niedrige Einnahmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette verwiesen. Positiv mit Blick auf ein verbessertes Risikomanagement wertet man bei der ISN die im Koalitionsvertrag von Union und SPD angekündigte Einführung einer Risikoausgleichsrücklage, und auch die Exportstrategie der Bundesregierung kommt bei der Interessengemeinschaft gut weg. Ankurbeln könnte den Absatz von deutschem Schweinefleisch auch verstärkte Werbung, wobei von der Branchenkommunikation "Initiative Fleisch" bereits gute Impulse kämen. Die geforderte Anpassung der Preisfindungsmodelle begründet die ISN mit grundlegend geänderten Strukturen und Lieferbeziehungen. "Ohne Frage: Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis - nicht die Kosten", stellte Staack fest. Angesichts einschneidender globaler Ereignisse wie Kriege oder Tierseuchen käme es jedoch zu immer extremeren Verwerfungen an den Märkten. Dagegen könnten sich die deutschen Schweinehalter trotz ihrer im europäischen Vergleich hohen Produktionskosten kaum absichern. Neben den insgesamt zu geringen Erzeugermargen führten die extremen Erlösschwankungen zu erheblichen wirtschaftlichen Problemen - zumal das finanzielle Risiko für die Betriebe kaum beeinflussbar und zu hoch geworden sei. Preisfindung nicht mehr zeitgemäß Weit verbreitete Abnahmeverträge böten dagegen keinen ausreichenden Schutz. "Bisherige Preisbildungssysteme werden den veränderten Strukturen nicht mehr gerecht und müssen deshalb erweitert oder angepasst werden", forderte der ISN-Geschäftsführer. Als Gründe für die aktuelle Preisschwäche nannte Staack unter anderem die weiter bestehenden Exportbeschränkungen infolge der Afrikanischen Schweinepest (ASP) in Deutschland. Zudem greife der Großhandel in Deutschland gerne zu günstiger Ware aus dem ebenfalls ASP-geplagten Spanien. Im deutschen Lebensmitteleinzelhandel (LEH) ziehe die Herkunft von Fleisch aus Deutschland gegenwärtig aber weiter. Bedrohliche Situation Ins gleiche Horn stieß der ISN-Vorsitzende Christoph Selhorst. Er wies darauf hin, dass die "schlechten Preisphasen" am Schlachtschweinemarkt überhandnehmen und die Ausschläge beim Schweinepreis extremer und unkalkulierbarer werden. So sei der Preis zuletzt abgestürzt, obwohl mitten in der Grillsaison, während der Fußball-Weltmeisterschaft und bei deutlich reduzierten Schweinebeständen eigentlich Aufschläge zu erwarten gewesen wären. Die Situation wertet Selhorst auch deshalb als "bedrohlich", weil die Betriebe gleichzeitig viele Anforderungen umzusetzen haben. Diese Gemengelage bringe zahlreiche Landwirte dazu, den Hof aufzugeben. Und das wiederum habe Auswirkungen auf den vor- und nachgelagerten Bereich. Dann könne auch der LEH seine hochgesteckten Ziele nicht mehr erreichen. "Wenn ein Glied reißt, zerreißt die ganze Kette", mahnte der ISN-Vorsitzende. Es liegen "schwierige Monate vor uns" Mathias Klahsen von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, der auch Geschäftsführer der Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG) ist, machte bei der ISN-Jahresversammlung wenig Hoffnung auf bald wieder bessere Geschäfte für Deutschlands Schweinehalter. Mit der jetzt hierzulande anstehenden Urlaubszeit mit üblicherweise rückläufigem Konsum lägen "schwierige Monate vor uns". Zumal wichtige europäische Exportmärkte wegen mehr Ware aus dem seuchengeplagten Spanien unter Druck stünden. Und der Grilleffekt wirke nicht mehr so gut wie früher, weil inzwischen nicht mehr nur Fleisch auf dem Grill lande. Helfen könne nach Einschätzung von Klahsen neben der Exportstrategie der Bundesregierung auch ein Regionalisierungsabkommen mit China. Klar sei aber auch, dass zum Beispiel in China andere Exporteure wie zum Beispiel Brasilien längst in die Lieferlücke gesprungen seien. Lichtstreif am Horizont In den Umbau hin zu höheren Haltungsformen setzt Klahsen nicht allzu große Hoffnung. Denn die Zahlungsbereitschaft der Kunden für höhere Haltungsstufen sei nicht ausreichend. Das zeige der derzeit gute Absatz von günstiger spanischer Ware deutlich. Einen Lichtstreif am Horizont präsentierte Klahsen den nach Münster gereisten ISN-Mitgliedern aber schließlich doch noch. Denn global wachse langfristig die Nachfrage nach Schweinefleisch. Das eröffne künftig auch für deutsches Fleisch Absatzchancen. Nicht viel zu verteilen In einer Podiumsdiskussion verwies der Geschäftsführer Central Services der Premium Food Group, Dr. Gereon Schulze Althoff, darauf, dass bereits Gespräche zur Anpassung der Preisfindungsmodelle geführt würden. Allerdings gebe es aktuell nicht viel zu verteilen in der Wertschöpfungskette. Denn aktuell werde auf keiner der Stufen viel verdient. Das bestätigte der Leiter der Bereiche Tierschutz, Forschung und Öffentlichkeitsarbeit der Goldschmaus Gruppe, Dr. Gerald Otto. Auch die Schlachtung fahre derzeit keine hohen Gewinne ein. Um die Sicherheit für die Zulieferbetriebe zu erhöhen, setze Goldschmaus auf die Integration. Der Geschäftsführer für Einkauf, Verkauf und Logistik beim Schweineschlachthof Brand Qualitätsfleisch, Jürgen Wehenpohl, plädierte für Festpreismodelle, um die Zulieferbetriebe abzusichern. Kostenpreismodelle, bei denen auf die Kosten ein fester Aufschlag kommt, hält er für wenig praxistauglich, weil die Kosten auf den Höfen unterschiedlich hoch ausfallen. Appell, "im Markt zu bleiben" Gleichzeitig appellierte Schulze Althoff an Deutschlands Schweinehalter "im Markt zu bleiben". Mit der aktuellen Schlachtzahl sei Deutschland "eigentlich gut aufgestellt". Das Problem liege nicht in der Produktion. Und der Absatz werde global auf lange Frist voraussichtlich steigen. Schließlich fand Schulze Althoff auch in der Gegenwart noch Grund zur Zuversicht. Von der aktuellen Bundesregierung bekomme die Branche Rückenwind, etwa durch die Bemühungen zur Exportsteigerung. Das sei anders als bei der vorherigen Bundesregierung und auch anders als aktuell in den Niederlanden und Dänemark, wo der politische Druck auf die Betriebe steige. AgE






